Carl Schuchhardt

Pergamon 1886

Photo von Carl Humann (1)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Carl Schuchhardt Pergamon 1886

In seinen Lebenserinnerungen ("Aus Leben und Arbeit", Berlin 1944) beschreibt Carl Schuchhardt die ersten Jahre der Grabungen in Haltern (S.226ff):

 

 

 

 

 

"Die Aussicht, in Haltern eine erste und vielleicht vielversprechende Station der Römer in Nordwestdeutschland aufzufinden, erweckte den Ehrgeiz der Herren in Münster. Man wollte durch eine Probegrabung nun gleich die Hand darauf legen und beauftragte mich mit einer solchen auf dem Annaberge. Im Juni 1899 hab ich dort dann im Buschwalde den römischen Spitzgraben auf eine weite Strecke aufgefunden, mit ihn begleitenden schwachen Pfostenlöchern für die Pallisadenwand und großen, tiefen für die auf die Berme vorspringenden Türme. Im August bereiste eine Institutskommission, bestehend aus Conze, Loeschcke, Ritterling, Philippi, Koepp und mir die ganze Lippe, und als wir auf den Annaberg kamen, bestimmte Ritterling ein paar hellgelbe Scherben als sicher augustisch. Daraufhin erhielten wir vom Institut die ersten tausend Mark zum Weitergraben. Im Herbst kamen Conze und Loeschcke wieder. Nun hatte ich oben schon einen ganzen Torbau freigelegt, und unten in der Nähe der Stadt, wo sich ein alter Hafen markierte, hatte Koepp die Spuren hölzerner Bauten mit einigem Metallgerät und vielerlei Tonware gefunden. „Alles schön und gut“, sagte Loeschcke, aber daß das wirklich augustisch ist, werd ich nicht eher glauben, als bis man mir eine Scherbe mit dem Töpferstempel des Ateius zeigt“. „Hier ist sie“, sagte Dr. Conrads und zog ein Stück aus der Tasche, das er soeben einer Arbeitergruppe abgenommen hatte. Das Ateius-Geschirr hatte man kurz vorher in dem großen Legionslager von Neuß als das führende der augustischen Zeit am Rheine kennen gelernt.

Den ganzen Herbst 1899 haben wir dann eifrig in den unteren Regionen, besonders an der Hafenbucht, gearbeitet. Außer Koepp waren auch Conze, Loeschcke und Ritterling zeitweilig mitbeteiligt. Und als alles auf große Anlagen und starke Rüstung deutete, wie man sie bisher nur für Castra Vetera bei Xanten gekannt, gewannen wir einhellig die Überzeugung, dass es sich um den Hauptstützpunkt der Römer an der Lippe, um das Kastell Aliso handele. Aliso ist im Jahre. 11 vor Chr. von Drusus „am Einfluß des Elison in die Lippe“ gegründet, als er an der oberen Lippe bei Arbalo mit genauer Not der Vernichtung durch die Brukterer entgangen war und sich nun doch die Rückkehr über den Fluß für die Zukunft sichern wollte. Dies Aliso kann also unmöglich mit Hölzermann bei Paderborn oder Lippstadt angenommen werden, weil Drusus damals durchaus nicht in der Lage war, die vier oder fünf dafür nötigen Zwischenkastelle an der Lippe entlang zu schaffen und zu halten. Eine Station bei Haltern konnte er aber zur Not wagen. Der Annaberg ist nur 40 km von Xanten; bis hierher ist die Lippe, schiffbar, und hier ist die beste Übergangsstelle. Für ein Aliso an der unteren Lippe spricht auch der Verlauf des letzten Germanicusfeldzuges vom Jahre 16 n. Chr. Im Frühling hört Germanicus, dass die Cherusker sein Lippekastell belagern und schon den Varusgrabhügel und den Drusus-Altar zerstört haben. Er zieht mit 6 Legionen hin, entsetzt das Kastell und versieht das ganze Gebiet zwischen Aliso und dem Rhein mit neuen Waldschneisen und Dammwegen. Dann nimmt er aber seine sechs Legionen wieder an den Rhein zurück, um sie auf Schiffen den Rhein hinunter und die Ems hinauf gegen die Angrivaren und.Cherusker zu führen. Das wäre ganz undenkbar, wenn er bei Aliso schon an der oberen Lippe gestanden hätte.

In diesem Sinne hab ich auf Conzes Ersuchen ihm einen ersten Aufsatz über unsre Halterngrabung für die Berliner Akademie geschrieben, und einen zweiten „Die Aliso-Frage“ dann bei schon fortgeschrittenen Grabungen im Herbst 1901 für unsre neuen Westfälischen „Mitteilungen“. Dieser Aufsatz erschöpft besonders das aus der Literatur zu Gewinnende und ist insofern heute noch nützlich.

Im selben Herbst 1901 hab ich dann auch in Trier auf der Gründungsversammlung des „Südwestdeutschen Verbandes für Römisch-Germanische Forschung“ über Haltern gesprochen, so dass unsre Ergebnisse und unsre Auffassungen nun schon weithin zu Gehör gekommen waren. Von den Grabungen selbst aber musste ich mich mehr und mehr zurückziehen, da meine hannoverschen Verpflichtungen mir bei weitem nicht die Zeit ließen, die in Haltern jetzt erforderlich war. Der Fortgang der Arbeiten wurde gesichert dadurch, dass Koepp in Münster die ordentliche Professur erhielt und nun in seinen Ferien regelmäßig, wenn auch oft seufzend, nach Haltern gehen konnte. Gelegentlich haben Dahm, Ritterling, Dragendorff, im Sommer Emil Krüger und ich ihn abgelöst."

(1) aus: Carl Schuchhardt, "Aus Leben und Arbeit", Tafel 17, Berlin 1944

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In dem vom Altertumsverein 1903 herausgegebenen "Führer durch die römischen Ausgrabungen bei Haltern" (Autor Carl Schuchhardt) gibt eine Übersichtskarte Auskunft über den damaligen Kenntnisstand:
Stand der Ausgrabungen 1903